Luftaufnahme eines begrünten Regenparks mit Teichen und Fußwegen
Schwammstadt Oldenburg: Wie wir Straßen und Plätze vor Starkregen schützen

Wenn der Regen nicht mehr abfließt

Starkregen stellt Oldenburg vor eine besondere kommunale Aufgabe. Wenn innerhalb kurzer Zeit große Wassermengen fallen, können Straßen, Unterführungen, Kellerzugänge und tiefer liegende Grundstücke überflutet werden. Auch im nordwestdeutschen Tiefland, das vielerorts durch geringe Geländeneigungen und hohe Grundwasserstände geprägt ist, erreicht das Wasser nicht immer schnell genug die nächste Vorflut. Die Stadt Oldenburg weist deshalb darauf hin, dass extreme Wetterereignisse wie Starkregen, Hochwasser, Hitze und Trockenheit bereits heute häufiger, länger und intensiver auftreten. Eine kommunale Starkregenvorsorge muss diese Entwicklung praktisch berücksichtigen.

Das konventionelle Mischwasser-Kanalnetz bleibt eine wichtige technische Infrastruktur, ist aber für außergewöhnliche kurzzeitige Niederschlagsspitzen nur begrenzt ausgelegt. Werden Straßen, Dächer und Höfe gleichzeitig entwässert, steigt der Zufluss schneller, als Kanäle, Pumpwerke und Rückhaltebecken ihn aufnehmen können. Das Leitbild der Schwammstadt setzt deshalb früher an. Regenwasser soll nicht möglichst schnell verschwinden, sondern vor Ort zurückgehalten, gereinigt, versickert oder verdunstet werden. So entsteht ein dezentraler Wasserkreislauf, der Überflutungsrisiken senkt und den Stadtraum zugleich kühlt.

Funktionsweise der Schwammstadt im urbanen Raum

Eine Schwammstadt verteilt die Aufgaben der Regenwasserbewirtschaftung auf viele Bausteine. Begrünte Dächer halten einen Teil des Niederschlags zunächst in Substrat und Vegetation zurück. Durchlässige Beläge lassen Wasser in den Untergrund gelangen. Mulden nehmen Oberflächenabfluss auf, während Rigolen unterirdisch zusätzliches Speichervolumen bereitstellen. Bäume verdunsten Wasser über ihre Blätter und tragen damit zur Kühlung bei. Das Prinzip orientiert sich am natürlichen Wasserkreislauf, wird aber an die beengten und technisch geprägten Bedingungen des Stadtgebiets angepasst.

Entscheidend sind dabei drei physikalische Wirkungen. Erstens reduziert Retention die Abflussspitze, weil Wasser zeitlich verzögert weitergeleitet wird. Zweitens kann Versickerung den Boden und, sofern die örtlichen Voraussetzungen erfüllt sind, das Grundwasser entlasten beziehungsweise anreichern. Drittens führt Evapotranspiration, also die Verdunstung über Boden und Pflanzen, zu einer messbaren Abkühlung des unmittelbaren Umfelds. Untersuchungen zur naturbasierten Regenwasserbewirtschaftung zeigen, dass blaugrüne Infrastruktur neben dem Hochwasserschutz auch Mikroklima, Biodiversität und Bewässerungsmöglichkeiten verbessern kann, wie das RAINDROP-Projekt des Kompetenzzentrums Wasser Berlin erläutert.

  • Rückhalt: Dächer, Mulden, Substrate und Speicher bremsen den Abfluss.
  • Versickerung: Geeignete Böden und technische Speicherräume führen Wasser kontrolliert in den Untergrund.
  • Verdunstung: Pflanzen und offene Wasserflächen senken die Umgebungstemperatur.
  • Reinigung: Belebte Bodenschichten können Schwebstoffe und bestimmte Schadstoffe zurückhalten.
  • Ökologie: Vernetzte Grün- und Feuchtstrukturen schaffen Lebensräume für Tiere und Pflanzen.

Damit verändert sich auch die planerische Grundhaltung. Statt Regenwasser ausschließlich über Leitungen abzuleiten, wird die gesamte Fläche als Teil eines Wassersystems verstanden. Ein Parkplatz kann Speicher und Baumstandort werden, ein Schulhof kann bei Starkregen vorübergehend Wasser aufnehmen, und eine Straßenbegleitfläche kann zugleich Verkehrssicherheit, Kühlung und Versickerung unterstützen. Diese Mehrfachnutzung ist besonders wertvoll, weil in einer wachsenden Stadt kaum zusätzliche Freiflächen zur Verfügung stehen.

Heller Pflasterweg mit Bäumen, Grünflächen und moderner Stadtarchitektur
Wasserdurchlässige Beläge können den Oberflächenabfluss mindern und Regenwasser dort zurückhalten, wo es fällt. So werden Verkehrsflächen zu einem wichtigen Bestandteil der Schwammstadt.

Mulden-Rigolen-Systeme und Baumbelüftung als Schlüsseltechnologien

Mulden-Rigolen-Systeme verbinden oberirdischen Rückhalt mit unterirdischer Speicherung. Regenwasser wird beispielsweise über abgesenkte Bordsteine oder Einläufe von der Fahrbahn in eine bepflanzte Mulde geleitet. Dort kann es sich kurzfristig sammeln, verdunsten und langsam durch eine belebte Bodenschicht sickern. Unterhalb der Mulde liegt die Rigole, ein mit Kies, Schotter oder speziellen Kunststoffkörpern gefüllter Speicherraum. Von dort wird das Wasser verzögert versickert oder, wenn die Boden- und Grundwasserverhältnisse es erfordern, gedrosselt in einen Vorfluter oder Kanal abgegeben.

Die obere Bodenschicht übernimmt dabei nicht nur eine hydraulische, sondern auch eine hygienische und ökologische Funktion. Straßenabfluss kann Reifenabrieb, Feinpartikel und weitere Belastungen enthalten. Eine fachgerecht dimensionierte und bepflanzte Filterzone hält einen Teil dieser Stoffe zurück, bevor das Wasser in den Speicher gelangt. Ein kommunales Beispiel bietet die Mulden-Rigolen-Anlage an der Hattinger Straße in Bochum. Dort werden Verkehrsflächen und angrenzende Dächer einbezogen, das Wasser zwischengespeichert und schrittweise weitergeleitet. Für Oldenburg lässt sich daraus kein fertiger Bauplan ableiten, aber ein erprobtes Planungsprinzip.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen Baumrigolen. Straßenbäume leiden häufig unter verdichteten Böden, zu kleinen Wurzelräumen und langen Trockenperioden. Gleichzeitig können dauerhaft nasse Bedingungen die Sauerstoffversorgung der Wurzeln beeinträchtigen. Baumrigolen schaffen einen unterirdischen Wurzel- und Speicherraum, der ausreichend durchlüftet wird und dennoch Regenwasser aufnehmen kann. Belüftungssysteme, strukturstabile Substrate und kontrollierte Wasserzufuhr helfen, die gegensätzlichen Anforderungen von Starkregen und Dürre zusammenzuführen.

Baustein Hauptfunktion Wichtige Planungsfrage
Mulde Oberirdischer Rückhalt, Filterung und Verdunstung Wie viel Einstau ist zulässig, und wie schnell muss die Fläche wieder trocken sein?
Rigole Unterirdische Speicherung und verzögerte Versickerung Wie durchlässig ist der Boden, und wie hoch steht das Grundwasser?
Baumrigole Wurzelraum, Wasserspeicher und Baumversorgung Wie werden Tragfähigkeit, Belüftung, Leitungen und Wurzelwachstum verbunden?
Durchlässiger Belag Reduzierung des Oberflächenabflusses Bleibt die Infiltrationsleistung auch bei Verschmutzung und Nutzung erhalten?

Artenreiche Bepflanzung für langlebige Versickerungsflächen

Eine Versickerungsmulde ist kein gewöhnliches Beet und keine kurz geschnittene Rasenfläche. Die Pflanzen müssen mit wechselnden Bedingungen umgehen: Nach einem Starkregen kann der Boden zeitweise überstaut sein, während wenige Wochen später Hitze und Trockenheit dominieren. Hinzu kommen Streusalz, Verdichtung, Beschattung, Mahd und Belastungen durch den Straßenverkehr. Eine robuste Bepflanzung braucht deshalb eine standortbezogene Auswahl, ausreichend Wurzelraum und ein Pflegekonzept, das die Entwicklung der Fläche über mehrere Jahre begleitet.

Fachbeiträge zu artenreichen Versickerungssystemen zeigen, dass höher wachsende, tief wurzelnde Pflanzen gegenüber Rasen deutliche Vorteile haben können. Sie stabilisieren die Bodenstruktur, fördern die Porenbildung und unterstützen sowohl Infiltration als auch Verdunstung. Geeignet sind nicht automatisch die attraktivsten Arten aus dem Gartencenter, sondern Pflanzen mit breiter Standorttoleranz und hoher Anpassungsfähigkeit. Für trockenere, gut drainierte Bereiche können beispielsweise Arten aus Steppen- und nordamerikanischen Präriegesellschaften interessant sein, während feuchtere Mulden andere Arten benötigen.

  • Arten mit unterschiedlichen Wurzeltiefen mischen, damit verschiedene Bodenschichten erschlossen werden.
  • Blühende Stauden und Gräser kombinieren, um lange Blühzeiträume und Struktur zu sichern.
  • Standortbedingungen wie Bodenart, Einstaudauer, Salzbelastung und Licht vor der Pflanzung prüfen.
  • Mit natürlicher Artenverschiebung rechnen, statt eine unveränderliche Pflanzung zu erzwingen.
  • Pflege, Nachsaat und gelegentliche Entfernung unerwünschter Dominanzarten von Anfang an einplanen.

Solche Flächen können zudem als Trittsteine zwischen Parks, Gärten, Friedhöfen, Gewässern und Stadtrandbiotopen dienen. Eine Analyse der Europäischen Kommission zur Habitatvernetzung beschreibt, wie blaugrüne Elemente die Bewegungsmöglichkeiten von Amphibien und anderen Arten verbessern können. Für Oldenburg bedeutet das: Nicht jede Mulde muss ein Naturschutzgebiet sein, aber viele gut platzierte, ökologisch gestaltete Flächen können zusammen ein wirksames Netz bilden.

Konkrete Potenziale für Oldenburg von Parkplätzen bis Schulhöfen

Oldenburg verfügt über zahlreiche Flächen, auf denen das Schwammstadt-Prinzip schrittweise sichtbar werden kann. Großparkplätze bieten Raum für Baumrigolen, begrünte Randbereiche und durchlässige Stellplatzflächen. Innerstädtische Plätze können mit abgesenkten Pflanzbeeten, entsiegelten Teilflächen und temporären Rückhalteräumen umgebaut werden. Auf Schulhöfen lassen sich asphaltierte Bereiche in kombinierte Spiel-, Aufenthalts- und Wasserflächen verwandeln. Wichtig ist, dass die Funktionen klar geregelt werden: Wo darf Wasser kurzzeitig stehen, wie bleibt der Zugang barrierefrei, und wer übernimmt die Pflege?

Die Stadt Oldenburg hat bereits wichtige Grundlagen geschaffen, darunter Starkregengefahrenkarten, ein Gründachkataster, Förderangebote für Gebäudebegrünung und Rückhaltemaßnahmen sowie Standards für klimaangepasstes Bauen. Ergänzend kann das CATCH-Tool helfen, die kommunale Ausgangslage systematisch zu bewerten. Das von der Jade Hochschule entwickelte Verfahren richtet sich an Planende, Ingenieurbüros und politische Entscheidungsträger. Es verbindet eine Selbsteinschätzung mit einem Anpassungszyklus, in dem Stärken, Lücken und gemeinsame nächste Schritte herausgearbeitet werden.

Für hochversiegelte Bestandsflächen bietet sich ein politisch nachvollziehbarer Stufenplan an:

  1. Gefährdung erfassen: Starkregenkarten, Geländemodelle, Kanalnetz, Grundwasserstände und bekannte Schadensstellen zusammenführen.
  2. Schlüsselorte auswählen: Bereiche mit hoher Überflutungsgefahr, vielen Menschen oder kritischer Infrastruktur priorisieren.
  3. Machbarkeit prüfen: Leitungen, Boden, Altlasten, Eigentumsverhältnisse, Verkehr, Barrierefreiheit und Pflegeaufwand berücksichtigen.
  4. Pilotprojekte umsetzen: Eine überschaubare Zahl von Parkplätzen, Schulhöfen oder Straßenräumen umgestalten und hydraulisch sowie sozial auswerten.
  5. Standards übertragen: Erfolgreiche Details in Bebauungspläne, Straßenbauprogramme, Ausschreibungen und Förderentscheidungen übernehmen.

Kooperationen zwischen Stadtverwaltung, OOWV, Wissenschaft, Wohnungswirtschaft, Schulen und lokalen Initiativen können dabei die Umsetzung beschleunigen. Gerade bei Bestandsflächen entstehen Zielkonflikte, etwa zwischen Stellplatzzahl, Baumerhalt, Leitungsbau und Aufenthaltsqualität. Diese Konflikte sollten offen benannt und anhand transparenter Kriterien bearbeitet werden. Das CATCH-Verfahren ist dafür vor allem als Gesprächs- und Entscheidungsgrundlage wertvoll, nicht als Ersatz für konkrete hydraulische Planung.

Gemeinsam den Oldenburger Stadtraum zukunftsfähig gestalten

Starkregenvorsorge ist eine dauerhafte Gemeinschaftsaufgabe. Die Kommune muss Flächen sichern, Standards setzen, Investitionen koordinieren und gefährdete Orte priorisieren. Gewerbebetriebe können Parkplätze und Dächer entsiegeln oder begrünen, während Wohnungsunternehmen Rückhalteflächen in Höfen und Quartieren schaffen. Privathaushalte tragen ebenfalls bei, wenn Regenwasser auf dem Grundstück bleibt, statt direkt in die Kanalisation zu fließen. Entscheidend ist ein Zusammenspiel, denn einzelne Maßnahmen wirken am besten als Teil eines vernetzten Systems.

  • Hofflächen, Zufahrten und wenig genutzte Stellplätze entsiegeln oder mit wasserdurchlässigen Belägen ausstatten.
  • Regentonnen oder Zisternen zur Gartenbewässerung einsetzen, sofern Standort und Statik geeignet sind.
  • Flachdächer begrünen und bei Neubau oder Sanierung Rückhaltung von Beginn an mitplanen.
  • Mulden, Gräben und Abläufe regelmäßig von Laub und Sedimenten freihalten.
  • Bei Umbauten prüfen, ob Kellerzugänge, Lichtschächte und tiefer liegende Hauseingänge gegen Starkregen geschützt werden können.

Die Stadt Oldenburg unterscheidet zu Recht zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung, beide Aufgaben müssen jedoch zusammen gedacht werden. Bäume, Gründächer und entsiegelte Flächen binden zwar nicht automatisch große Mengen Kohlenstoff, sie können aber Wasser zurückhalten, Schatten spenden, die Aufenthaltsqualität erhöhen und die Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur verbessern. So wird aus einer technischen Starkregenmaßnahme ein sichtbarer Beitrag zu einem gesünderen und lebenswerteren Stadtquartier.

Oldenburg muss nicht jede Fläche auf einmal umbauen. Wirksam ist ein konsequenter Kurs, der bei ohnehin anstehenden Straßen-, Platz- und Schulhofsanierungen ansetzt, Daten nutzt, Erfahrungen auswertet und Bürgerinnen und Bürger früh beteiligt. Mulden-Rigolen-Systeme, gesunde Baumstandorte, artenreiche Pflanzen und weniger Versiegelung bilden dabei keine Einzelprojekte, sondern die Bausteine einer zukunftsfähigen Stadt. Je früher diese Bausteine in Planung und Haushalt verankert werden, desto besser schützt sich Oldenburg vor dem nächsten Starkregen und desto höher fällt der tägliche Gewinn an Lebensqualität aus.